WAR - Projekte von 1999 bis 2003

THE SLUBFURT CITY WALL

Gedanklicher Hintergrund
Einen Raum gibt es nur, wenn es ein Objekt gibt. Raum entsteht in Bezug zu einer Vielzahl von Objekten. Ohne Objekte kein Raum.
Räume sind Ganzheiten, die sich nach unten hin wieder in kleinere Entitäten in's Unendliche auflösen und nach oben hin sich als Teile unendlich gross werdender Ganzheiten erweisen.
Jeder dieser Räume gilt in seiner Ganzheit nur in Bezug zu anderen Ganzheiten. Eine Ganzheit entsteht durch ein Aussen und ein Innen, weist also eine Grenze zwischen Innen und Aussen auf.

Der Mensch steht in dieser Spannung zwischen Fragmentation und Defragmentation , zwischen Auflösung im unendlich Kleinen und Auflösung im unendlich Grossen. Die Angst vor der Auflösung ist daher eine menschliche Urangst. Sie ist Motor für Schutzsuche und Schaffung gesellschaftlicher, Halt gebender Strukturen. Das Individuum findet sich gerne in grösseren Einheiten wieder, die ihm Schutz und Halt - also Identifikation - geben. Sowohl, wer sich nur über die Gruppe/grössere Einheit definiert, wie auch, wer sich losgelöst von jeglicher Gemeinschaft definiert, verneint sich in die eine oder andere Richtung. Denn wir sind gesellschaftliche Individuen. Unsere Identifikation erhalten wir nur in Bezug - in Kommunikation - zu anderen Individuen. Unsere Denk- und Lebensweisen sind geprägt von den gesellschaftlichen Strukturen, in denen wir aufgewachsen sind.

In Frankfurt-Slubice leben wir an der Grenze zweier Gesellschaftlicher Einheiten, die sich durch verschiedene Gesellschaftssysteme, Kulturen und Sprachen voneinander unterscheiden. Im Gegensatz zu physischen Grenzen lässt sich diese Grenze körperlich-visuell nicht wahrnehmen, so wie ich etwa erleben kann, dass mein Körper durch meine Haut begrenzt ist. Die deutsch - polnische Grenze ist vor allem eine Mentale Grenze. Das lässt sich besonders gut an deren Ost-Westverschiebung nach dem zweiten Weltkrieg deutlich machen. So gibt es polnische und deutsche Zwangsumsiedler, die bis heute ihrer verlorenen Heimat hinterhertrauern. Sie wurden aus dem ihnen vertrauten Gefüge, in dem sie sich als Teil einer Einheit empfanden, herausgerissen und in die Fremde verpflanzt........
Mentale Gefüge und Strukturen sind ein unseren Globus umspannendes Geflecht.
So, wie Individuen sich in Bezug/Kommunikation zu anderen Individuen definieren, so verhält es sich mit kulturellen/staatlichen Einheiten ähnlich.
Besondere Grenz- und Identifikationsprobleme entstehen daher dort, wo Grenzen über die Köpfe ethnischer Gruppen hinweg gezogen wurden ( siehe naher Osten, Afrika, ehem. Sowjetunion), oder Menschen zwangsweise umgesiedelt wurden.

Die Slubfurter Stadtmauer stellt keine wirkliche Grenze dar, sondern umschreibt als Kunstwerk einen möglichen neuen Identifikationsraum über eine Staatsgrenze hinweg in einer Region mit Identifikationsproblemen. Die Kommunikation ist der wichtigste Motor dieses Stadtraumes. Aus diesem Grunde ist die Mauer hoch genug, um als Sitzgelegenheit zu dienen und flach genug, um nicht zu begrenzen, sondern zu verbinden. Sie ist als mit dem Zirkel gezogen der Mengenlehre entlehnt und somit ein Bild für Kommunikation und Integration ohne territoriale Ansprüche.

Eine Stadtmauer für Slubfurt
Von der geographischen Mitte zwischen beiden Städten ausgehend, habe ich mit dem Zirkel eine Kreislinie gezogen, die die Stadtzentren von Frankfurt und Slubice umschließt.
Entlang dieser Linie wird ein 50 cm hohes Mäuerchen gezogen, das als Sitzgelegenheit genutzt werden kann. Die Mauer wird dort realisiert, wo es technisch möglich ist und wo es eine Genehmigung seitens der Grundstückseigentümer gibt. Die Mauer kann also sowohl durch öffentlichen städtischen Raum führen, wie auch durch private Gärten oder auch durch das Wohnzimmer einer Privatwohnung. Jede Privatperson, Einrichtung oder Firma kann die Patenschaft für ein beliebig grosses Teilstück übernehmen und dessen Realisierung finanzieren.

Das Projekt gliedert sich in zwei Phasen, die gleichwertig zu betrachten sind:
1. Die Kreismitte wird durch einen 10 Meter hohen Stahlnagel markiert und mit einer Informationstafel über das Projekt versehen (in polnisch, deutsch und englisch).
2. Es wird eine Internetseite zu dem Projekt eingerichtet. Auf der Seite wird ein Diskussionsforum eingerichtet. Der Stand der Diskussionen und bereits erfolgte Realisierungen von Teilabschnitten der Stadtmauer werden dort dokumentiert.
3. Gespräche mit den Grundstückseigentümern über das Projekt und die Möglichkeit des Baus eines jeweiligen Teilstückes der Mauer auf ihrem Grundstück.
4. Die Gespräche und öffentlichen Diskussionen sind bereits immanenter Teil des Projektes. Das Projekt wäre auch dann als realisiert zu betrachten, wenn es aus verschiedenen Gründen nicht zum Bau der Mauer kommt, denn es handelt sich hier bereits um eine Plastik, auch wenn sie unsichtbar ist. Die Gespräche und Diskussionen sind wichtiger Bestandteil dieser Plastik.
5. Bau der Mauer. Der Bau der Mauer ist ein Prozeß. Er beginnt mit der ersten Genehmigung, bzw. Umsetzung des ersten Teilstückes. Ob er jemals als abgeschlossen zu betrachten ist, ergibt sich aus den Gesprächen und Diskussionen.
   
© M. Kurzwelly